
Jedes Dogma, das entweder "Geist" oder "Materie" eine Dominanz zuweist, steckt in einer Sackgasse. Wir müssen endlich verstehen, dass wir Fortschritt als lernendes Konzept verstehen müssen, in welchem Information zwischen diesen beiden Seiten vermittelt. Was es zu verstehen gilt, ist die Art und Weise, wie wir aus Daten Information generieren.
Die Welt ist schon da. Architektur gestaltet und transformiert. Die Monofunktionalen Konzeptionen der Moderne verbrauchen eher Platz, als dass sie Raum schaffen. Dies ist ein Grund, warum der Konflikt zwischen Ökosphäre und Technosphäre zu eskalieren droht.
Hinzu kommt, dass Lösungswege mehr und mehr in Form von Programmen vordefiniert werden. Die technologischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters scheinen bisweilen den Prozess der Formgebung hinter der Codierung bis hin zu einer scheinbaren Selbstevidenz zu verschleiern. Dies mag vor allem in einer Zeit der aufkommenden KI gelten, deren Denken, soweit man es Denken nennen möchte, im kantischen Sinne analytisch ist. Jede scheinbar neue Lösung, welche eine KI präsentiert, ist nur eine statistisch Wahrscheinliche im Rahmen des bereits Vorhandenen. Architektur ist in diesem Sinne also nicht das Ergebnis eines Planungsprozesses, sondern dessen Vorbedingungen. Architektur hat die Funktion, jene Fragen zu stellen, die dem Ingenieurbau beim Lösen einer gegebenen Aufgabe gar nicht erst in den Sinn kommen.
Gerade die Architektur, als die Gestaltung von Lebensraum, spiegelt in hohem Maße die allgemeinsten und abstraktesten Denkmodelle ihrer Zeit wieder und es scheint unabdingbar, sich dessen permanent bewusst zu sein: Architektur ist nichts anderes, als die Kunst, Dinge miteinander in Beziehung zu setzen.
Der Dreisatz, dass die Form aus der Funktion folgt, wird oftmals genutzt, um eben jene Folgerichtigkeit zu erzeugen, die nicht selten dazu führt, Planungen hinsichtlich gewisser Parameter zu optimieren. Auch diese Suche nach Stabilität, wenn digitale Techniken dazu führen, dass sprichwörtlich jede Form erzeugt werden kann, ist wie gesagt zweifelsohne legitim. Auch sie bildet ein ideelles Gerüst, ohne das die Ebene der Imagination der Beliebigkeit unterliegen kann. Es soll aber zu bedenken gegeben werden, dass auch die graduelle und systematische Optimierung ihre Tücken besitzt. Sie betrifft meist einen ausgewählten Bereich, der irgendwann dazu führt, den Aufwand, oder Qualitätsverlust in völlig anderen Bereichen exponentiell zu steigern. Daher besteht Gefahr, dass eine optimale Lösung die schlechteste aller Möglichkeiten darstellt. Dies gilt, wenn das Bewusstsein dafür verloren geht, dass bereits die Fragestellung auf einem imaginären Beziehungsgeflecht von Grundannahmen beruht. Ohne dieses Bewusstsein kann die – aus lauter guten Gründen – konstruierte Selbstevidenz den Blick auf größere Zusammenhänge verstellen.
Um dies an einem Beispiel plastisch zu machen: Es ist völlig unerheblich, wie „nachhaltig“ die eingesetzten Baustoffe sind, solange durch die Gebäude selbst nach wie vor die einzig wahrhaft fossile Ressource des Planeten vergeudet wird: der Raum, welcher der Biosphäre zur Verfügung steht. Dies bedeutet nicht, dass nicht mehr gebaut werden darf, sondern, dass endlich dieses Paradigma der monofunktionalen Flächennutzung überwunden werden muss.
Architektur, welche die Lebensräume der Zukunft gestaltet, kann oder darf also nicht mehr länger nur danach fragen, wie Vorgaben und Parameter eingehalten werden. Sie muss darüber hinaus auch danach fragen, wie die Konflikte zwischen Ökosphäre und Technosphäre gelöst werden können. Sie muss sich von dem Gedanken befreien, dass Gebäude für Menschen errichtet werden, sondern Konzepte entwickeln, wie die Flächen, welche der Mensch für sich vereinnahmt, als Teil eines tragfähigen Ökosystems weiterhin bestehen können.
